Lyrik
Die Richter
Wir stehen am Ufer der Gezeiten,
betrachten uns das Für und Wider
und sehnen uns nach diesem Feuer
welches einst in unseren Leibern glomm.
Die Fackel, die im Rausch verloschen,
von finsteren Krähen fortgebracht;
vorbei an Großstadtgräbern aus Stahl und aus Beton;
vorbei an einwegspritzenden Kampfhunden auf Kinderspielplätzen;
vorbei an den leeren, stumpfen Augen der Geister des Verlierens;
vorbei am ich ich ich des ewig deutschen Wirs;
hinein in diese abgrundtiefe Nacht,
in diesen wasserlosen Traum aus Eis,
hinein in diese allerletzte Schlacht.
Durch die Nacht
Taubheit. Das Rauschen des Blutes im Kopf.
Sonst nichts.
Eigene Worte finden endlose Wege durch den bleischweren Raum.
Gedankenverloren
schweift das Ich durchs All durchs Nichts.
Ahnung und Erinnerung martern die Seele gleichermaßen.
Die Sonne scheint blassblau
und Schwärme toter Vögel
versperren mir den Blick auf meine schöne begriffsfreie Welt.
Es ist, als träumte ich;
als wandelte ich nur halb erweckt
doch ganz und gar besessen.
Es ist, als brannte ich voll kalter Asche
und schmeckte noch den Rauch in meinem Herzen.
Am Abend
nahe dem Ufer gesessen
den Vögeln nachgeschaut.
Im Innersten von Angst zerrissen
ein letztes Mal noch aufgebäumt.
Dieses unnatürlich wilde Beben;
dieser rohe Echoklang
und ein stummer Zeuge zeugt von meinem Leben
und von jugendlichem Fleischesdrang.
Ferner sind die Vögel schon
und nassgeschwollen meine Lider;
so hock ich finster auf dem Thron,
flehe leise um Vergebung
und ewig hallt’s im Äther wider;
bis eine milde sanfte Hand die Stirn mir kühlt
und bei mir weilt,
mir sagt: es ist alles gut.
Im Mai
Aus den Feldern sprießt die grüne Saat
und wässrig ist des Himmels Auge
und die Spinnen weben gierig ihre Netze
und fressen sich ganz fett und rund.
Auf feuchtem Grund lieg ich danieder;
ganz nackt;
die Mutter innig spürend,
um auch wieder Heimat tief zu fühlen,
wie sie mir ständig durch die Finger rinnt.
In fernen Höhen
ziehen Krähen Kreise
und Käfer kriechen über Knochen
und das Fleisch vom letzten Jahr.
In solcher Stunde bin ich Einheit
mit den Tagen, da ich glücklich war.
Innernacht
Was ist es,
das uns mehr erschaudern lässt,
als die Gewissheit um die Endlichkeit der Dinge?
Die Einsamkeit der Städte;
ein Schatten, der – zu schnell für das Auge – dennoch fühlbar,
durch die Gassen huscht;
Geister, die nicht mehr zu betäuben sind;
dunkle Spiegelbilder in dunklen Hafenwassern;
untilgbare Schuld.
Es regnet unablässig Asche
auf die verdrehten Leiber
nieder;
die nicht bewusst suchen;
die nicht träumen wollen;
die an kargen Hauswänden warten;
Die Nacht holt irgendwann jeden ein,
so wie die Lust irgendwann jeden verlässt;
dem Leben folgt nach Nurgottweisswohin.
Bis ein schön’rer Morgen tagt
Den Kopf zu voll für mehr Gedanken,
und luftleer ist der Sinne Raum.
Es schreit und tobt das inn’re Wesen,
es fühlt sich um die Zeit betrogen.
Mein Kain und Dein Abel halten sich
wie Liebende am Lebensabend
in einem Ich
in einer Welt
und Wärme strömt aus diesen Händen
in den schwarzen Ackergrund.
Saat für neue Geister,
neue Lüste.
Schüttelt alles ab, was lähmt
und schlachtet, was noch übrig ist!
Wahre Freiheit ist schwer errungen!
Der König ist tot
Des Königs Leiche treibt im See.
Ein Hauch von Nerz,
verfault im März.
Vom Ufer klingts: Ojeminee!
Bald schon füllt sich die Hülle mit Getier;
mit Meeresfrüchten, den geliebten,
die giftig ihm zuvor die Sinne trübten.
Quillt er jetzt in Hades’ feuchtes Spalier.
Und wie er dort so still nun treibt,
so voll von Würmern und von Gottes Gnaden –
ein wahrer Staatsmann –
wohl beleibt,
entfleucht den Gaffern ein altes Wort
von arm und reich und alle gleich
und niemand, niemand schreit mehr: Mord.
Homunculus rex
Mein verdorbenes Fleisch trieft
aus tausend Poren Lust und Gier
auf den herbstgeschwärzten Acker nieder.
Das junge Aas im reinen Weiß
und seinem bläßlich roten Kuß
vernebelt Geist und Männlichkeit.
Ein schauriger Klang
von glücklich berstendem Glas
wünscht eine gute Reise.
Was die Hand zutage fördert
ist nasse Mutter und Gewürm -
der Stoff aus dem wir Menschen sind.
Meine Ichs lächeln einmal noch
und gehen dann gemeinsam fort.
Es bleibt ein Fußabdruck,
eine Erinnerung,
die irgendjemand finden wird.
Picasso schickt alle heim
Fauliger Ziegenpelz ist die Leinwand,
auf die ein blindes Stück Hackfleisch
eine tragische Elegie auf eine niemals
erträumte Nacht gemalt hat.
Fassungslos bestaunen die weißen
Pappbecher diese Radikalität
und wissen sich nicht anders zu helfen,
als Gott in „Plasmafernseher“ umzubenennen.
Verlorener Geist.
Gefundenes Nichts.
Erkenntnis wohnt in Weizenmehlbrötchen
und Streubomben.
Die Gabelung der Wege ist entscheidend.
„Hölle“ scheint mir keine gute Wahl für uns,
doch auch hier wird das Lied von den blühenden Landschaften
schon das Geschrei der Elenden übertönen.
Vorwärts, meine Lieben!
Hier ist der Abgrund. Lasst uns heimgehen.
Winternacht
Nackte Füße treten feuchtes,
kaltes Gras nieder,
wühlen sich durch herbstgeschwärzte Erde,
bahnen sich ihren Weg voran.
Mondlicht, das glitzert,
sticht mit seiner silbrigen Klinge tiefe Wunden
in die Herzen derer,
die sowieso nicht mehr schlafen können.
Das Rauschen der nahen Straße
verdirbt den reinen Klang des Schreitens.
Nebelmund wird sie genannt.
Der heiße Atem, der sich mit der kalten Luft verbindet
zum Coitus der Elemente.
Lässt sich das Fleisch dann fallen
und reckt sich frei der Arm,
der Schrei zum Schlaf
in dieser Winternacht.
Orpheus
Morgentau rinnt in die offenen Mäuler
staunender Entrückter.
Denn am Himmel brennt ein Feuer,
das ihnen schwer die Sinne raubt.
Der Tag erhebt sich
und wie ein alter Herrscher
reckt er wütend seine Faust dem All entgegen;
die Nacht, die Schwester einzuholen.
Doch nie wird Paar, was sich auf diese Weise liebt.
Der Mutter Tränen gleich,
fällt die bohrende Glut des Himmels
als Morgentau auf die Entrückten nieder
und vertilgt sie Streich um Streich.
Der gebrochene Tag aber wütet weiter.
Immerdar.
Für Hans Giebenrath
Das Herz schweigt still;
es friert und krankt
und sorgt sich, was es fühlen will.
Der Korpus, schwer betrunken, wankt
und fällt hernieder in den Schlamm.
Und alle Bürger, Ratten, Würmer,
nutzen ihn als weichen Tritt.
Er liegt apathisch
starr und wartet;
gibt sich des Himmels Bläue hin;
als faulende Mahnung
sich dem Triebe anzubieten
und nicht zu zweifeln an der Tat.
Denn alle Moral ist Menschenwerk;
und niemals, niemals freier Wille.
Kneipenabend
Verrauchter Raum im Neonbad
spiegelt sich in meinen Sinnen wieder.
Ein schwarzes Bier
auf ferne Musik und nüchternen Magen gegessen
und unsichtbar für alle ins Innerste geweint.
Geheult. Hemmungslos. Zerbrochen
über der Schönheit der Welt.
Das Herz aus Stahl;
zerborsten wie das Fenster nach dem Faustschlag.
Zeitversetzte Dialoge
zu Klang mutiert,
nie mehr Inhalt,
wahllos in den Raum gestellt.
Benommen. Taumelnder Geist
ganz nah an dem, was immer unerreichbar schien.
Auf dieser Welle heimgeschwommen,
dann für immer von ihr verschluckt.
Ich! Auf dem Grund der Dinge.
Im Cult. Irgendwann 2006.